Scham ist keine Schwäche. Sie ist eine körperliche Kraft.

Juni 2

Fühlst du dich manchmal wieder wie ein kleines Kind? Kannst du in dem Moment einem Blick nicht standhalten und musst ihn senken? Du hältst vielleicht sogar den Atem an. Am liebsten möchtest du im Erdboden versinken. Nur nicht weiter auffallen, nichts sagen, am liebsten im Erdboden versinken?

Das ist Scham. Und sie findet nicht nur in deinem Kopf statt – sie sitzt im Körper.

Scham ist sehr schmerzhaft. Sie trifft uns tief. Um diesen Schmerz zu vermeiden, lernen wir von klein auf, uns zusammenzureißen. Unseren Schmerz nicht zu zeigen, um keine weitere Angriffsfläche zu bieten.

Sie wird oft tabuisiert. Und ist gleichzeitig allgegenwärtig.

Sie ist eine unglaublich starke Kraft, deshalb möchte ich hier eine Lanze dafür brechen, sich mit ihr zu beschäftigen.

Scham als Qualität

Eigentlich ist Scham ein kurz anhaltendes Gefühl. Sie taucht auf, zeigt uns etwas und verschwindet wieder. Gesunde Scham ist in Bewegung.

Sie entsteht nicht nur, wenn wir jemandem wehgetan haben. Sie entsteht auch, wenn wir anders sind als die Gruppe. Wenn wir in einem Moment gesehen werden, in dem wir uns unzulänglich fühlen. Wenn wir Bedürfnisse zeigen, die nicht willkommen waren. Wenn wir etwas fühlen, das nicht erlaubt war. Oder wenn wir beschämt wurden, ohne irgendetwas falsch gemacht zu haben.

Scham entsteht oft nicht durch das, was wir getan haben. Sondern durch das, was mit uns getan wurde.

Chronische Scham hingegen bleibt im Körper hängen. Dann schämen wir uns nicht mehr für etwas Bestimmtes, sondern beginnen, uns selbst als falsch zu erleben.

Das ist der Unterschied. Und er ist enorm  und die Wurzel für sehr viel Leid.

Was passiert, wenn Scham zum ständigen Begleiter wird?

Viele Menschen kennen das Gefühl, von Scham wie verfolgt zu sein. Es ist nicht mehr nur ein kurzer Moment – „Oh, ich habe etwas verschüttet", „Ich bin gestolpert", „Ich habe mich versprochen" –, sondern eine tiefe, anhaltende Überzeugung:

„Ich bin falsch. Ich sollte mich schämen."

Diese Form der Scham kann uns ein ganzes Leben lang prägen. Sie formt unser Verhalten, unsere Ziele und unsere Träume.

Chronische Scham entsteht selten zufällig. Oft wurde sie gezielt erzeugt.

Scham als Kontrollinstrument

Die gesellschaftliche Pyramide

Scham ist kein rein persönliches Problem. Wir werden in ein System hineingeboren, das Scham als Werkzeug nutzt. Durch Noten, Wettbewerb, „Du bist nicht gut genug", „Schau mal deine Schwester…".

Überall, wo Hierarchien und Vergleiche herrschen, entsteht eine Pyramide der Scham: Unten fühlen sich die Menschen am beschämtesten. Oben stehen jene, die andere scheinbar demütigen dürfen.

Gezielte Beschämung begegnet uns in vielen Lebensbereichen: in der Erziehung, im Schulsystem, in Ausbildungen, im Militär, in Beziehungen.

Was das mit uns macht

Besonders problematisch finde ich, wie Scham Menschen kontrollierbar macht.

Wer sich tief schämt, zweifelt an seinem eigenen Wert. Und wer an seinem Wert zweifelt, braucht die Bestätigung von außen. Er entschuldigt sich ständig, versucht zu beweisen, dass er doch eigentlich „gut und richtig" ist. Er vergleicht sich.

Das macht es leicht, jemanden zu lenken. Tiefe Scham macht Menschen empfänglicher für Kontrolle und Anpassung. Je weniger jemand seinen eigenen Wert spürt, desto mehr Kontrolle können andere über ihn ausüben.

Wo sitzt die Scham im Körper?

Was der Körper sichtbar macht

Scham ist kein mentales Konstrukt. Sie manifestiert sich körperlich – auf sehr konkrete, spürbare Weise.

Sie zeigt sich, wenn wir rot werden, wenn wir den Mund verziehen, um etwas zurückzuhalten, das uns auf der Zunge liegt. In einem Blick, der ausweicht, der den Kontakt scheut. In einer Atmung, die flach bleibt, weil ein tiefer Atemzug zu viel Raum einnehmen würde. In Beinen, die nach innen gedreht sind. In Schultern, die hochgezogen bleiben – in ständiger Erwartung, dass gleich wieder etwas Schlimmes passiert.

Diese Muster sind zum Teil universell. Und doch hat jede Person, die zu mir kommt, ihren ganz eigenen Weg gefunden, sich davor zu schützen, beschämt zu werden.

Wie wir in der Grinberg Methode® damit arbeiten

In der Grinberg Methode® arbeiten wir genau hier: am Körper, an den Mustern, die sich über Jahre oder Jahrzehnte in uns eingeschrieben haben.

Auch ich kenne – bis heute

Ich habe Situationen in meinem Leben erlebt, zu denen ich schon mehrmals Grinberg-Sitzungen gemacht habe. Und es ist unglaublich, dass darin immer noch Energie steckt.

Die Art und Weise, wie ich gelernt habe, Scham – insbesondere in Gruppensituationen – zu vermeiden, führt noch heute dazu, dass ich eine bewusste Entscheidung treffen muss, um mich in Gruppensituationen bzw. in der Öffentlichkeit zu äußern. Das kleine Kind in mir möchte sich immer am liebsten  verstecken und nicht aus der scheinbaren Komfortzone herauskommen.

Aber dieser Schutzmechanismus funktioniert auch nicht wirklich. Er macht mich körperlich krank und verursacht schlimme Symptome.

Das ist das Paradoxe an Schutzmustern: Sie entstehen, um uns zu schützen. Und gleichzeitig kosten sie uns enorm viel Energie – oft mehr, als das, wovor sie uns schützen sollen.

Wenn ich diese gespeicherte Schutzreaktion im Körper löse, kommt mehr ins Fließen. Mein Körper fühlt sich freier, wohler und leichter an. Oft kommen mir neue Ideen, neue Erkenntnisse, ein anderer Blick auf die Dinge. Ich bin nicht mehr in meiner verängstigten Position stecken geblieben. Das tut gut – und das ist es, was ich auch meinen Klientinnen und Klienten zeige.

Das „Gefäß vergrößern" – was bedeutet das?

Bei der Arbeit mit Scham geht es nicht darum, sie wegzumachen oder schnell zu „heilen". Es geht darum, die Energie der Scham halten zu können.

Erst wenn die Scham wirklich durch den Körper fließen darf, werden wir wieder freier. Die Scham will uns etwas lehren. Wenn wir sie im Körper halten können, müssen wir uns nicht weiter kleinmachen.

Ich begleite meine Klientinnen und Klienten dabei, dieses Gefäß – also ihren Körper, ihre Aufmerksamkeit, ihre Kapazität – zu vergrößern, um dieses wirklich unangenehme Gefühl vollständig erfahren zu können. Das erfordert Mut, Nichtbewertung und die Bereitschaft, der eigenen Scham nicht auszuweichen.

Für mich als Praktikerin ist dabei eines entscheidend: Ich muss mich meiner eigenen Geschichte mit Scham stellen. Denn nur wenn ich selbst einen neuen Umgang mit dieser Energie suche und finde, kann ich andere wirklich begleiten – in diese tiefe Erfahrung hinein und durch sie hindurch.

Wenn Scham fließen darf, kehrt Kraft zurück

Viele Menschen kommen mit einer tiefen, oft unbewussten Scham in die Praxis. Manchmal gewachsen aus traumatischen Erfahrungen, manchmal aus gesellschaftlicher Prägung, manchmal aus dem, was in der Familie einfach nie ausgesprochen wurde.

„Sie habe zum ersten Mal tief durchgeatmet, ohne das Gefühl, sich dafür  entschuldigen zu müssen."

Das sagte mir eine Klientin nach einer Sitzung. Dieser Satz hat mich nicht mehr losgelassen. Denn genau darum geht es: nicht um große Durchbrüche, sondern um diese kleinen Momente, in denen man sich wieder spürt.

Wenn wir lernen, Scham nicht zu fürchten, sondern sie als Kraft zu erkennen, die uns etwas lehren will, verändert sich unsere Art, uns in der Welt zu bewegen. Grundlegend.

Avi Grinberg hat mit seinen Berührungsformen und seinem Verständnis von Energie und Aufmerksamkeit ein Werkzeug geschaffen, das genau hier ansetzt. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar.

Scham nicht als Schwäche sehen, sondern als Möglichkeit zur Rückgewinnung von Kraft, Präsenz, Mitgefühl und Menschlichkeit.

Das ist eine der wertvollsten Fähigkeiten, die ich in all den Jahren gelernt habe.

Wo begegnet dir Scham in deinem Alltag – und wie reagiert dein Körper darauf?

Wenn du Lust hast, das gemeinsam zu erforschen, begleite ich dich gerne. In einer Einzel-Session, online oder in meiner Praxis in München, kannst du herausfinden, wie sich Scham in deinem Körper zeigt – und wie du freier damit umgehen kannst.

Denn vielleicht beginnt Freiheit nicht dort, wo wir keine Scham mehr fühlen.

Sondern dort, wo wir uns trotz Scham wieder zeigen können.

Ich freue mich auf dich.

Herzlichst,
Mirjam

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